Kult vs. Kultur vs. Zivilisation: eine Frage der Autorisierung von Führungsentscheidungen?

Zunächst eine grundsätzliche Frage: Wodurch begründet sich eigentlich die Autorität von Entscheidungsträgern und ihren Entscheidungen, zunächst unabhängig von ihrer Funktion in der Gesellschaft? Mein Vorschlag einer Antwort: In erster Linie begründet sich diese durch die Verbindlichkeit der Unterscheidungs- und Bewertungskriterien, welche durch die jeweiligs verantwortliche Rolle und Funktion in einem bestimmten Bereich der Gesellschaft hervorgebracht und zugesichert werden müssen. Es gibt unterschiedliche Formen, Verbindlichkeit zuzusichern, hier eine Auswahl:

(1) Die positive Wissenschaft, zum Beispiel, sichert ihre Verbindlichkeit durch die Feststellung zu, „daß viele für kompetent gehaltene Wissenschaftler die gleichen Arten des Unterscheidens anwenden.“ [Bazon Brock (2010): Utopie und Evidenzkritik. Hamburg: Philo Fine Arts, S. 48]. Man könnte dies auch als für eine >Kultur< übliche Form der Autorisierung bezeichnen.

(2) Im Gegensatz dazu schaffen Kirchen ihre Verbindlichkeit durch den Anspruch überindividueller Geltung ihrer Unterscheidungskriterien, die letztlich zu ritueller Reproduktion bestimmter Verhaltens- und Reaktionsmuster („Nachäfferei“ [ebd.]) führt. Diese Form der Autorisierung findet man wohl eher im Bereich des Kultes.

(3) Dagegen entsteht die Verbindlichkeit der Kunst – ebenso wie auch die der kritischen Wissenschaft – durch die garantierte Akzeptanz unendlich vieler Maßstäbe der Unterscheidung und Bewertung der Welt. Das bedeutet: Ein Ingenieur oder Physiker, Maler oder Bildhauer, Mathematiker oder Theologe, Manager oder Politiker „ist in dem Augenblick Künstler, in dem er den Geltungsanspruch für seine Aussagen nicht ableitet aus der Übereinstimmung mit anderen, aus der Absicherung durch Parteien, Kirche oder Wissenschaft, nicht aus der Beglaubigung der Bedeutsamkeit seiner Erfindungen dadurch, daß andere sich ihm anschließen, sondern daß er diese ausschließlich aus sich selbst heraus begründet.“ [ebd.]. Dies würde ich als eine Form der Autorisierung bezeichnen, die in Zivilisationen üblich sein sollte.

Im Grunde lassen sich diese drei beschriebenen Formen der Autorisierung von Führungsentscheidungen bestimmten Hierarchieebenen formaler Organisationsstrukturen zuordnen. Nehmen wir zur Darstellung das Beispiel der Unternehmensorganisation (Man dürfte diese beschriebenen „Mechanismen“ in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen finden.):

– Die Mitarbeiter und operativen Führungskräfte an der >Basis<, die direkt an der wertschöpfenden Transformation beteiligt sind, treten in aller Regel als >Künstler< in Erscheinung. Die erbrachte Leistung verweist direkt auf den betreffenden Mitarbeiter als Urheber, der für etwaige Abweichungen von Vorgaben und Normen selbst Verantwortung zu übernehmen hat, ggf. mit fatalen Konsequenzen für seine persönliche Existenz.

– Die mittlere Führungsebene, das mittlere Management, autorisiert sich oft und regelmäßig mit Konformitätserklärungen gegenüber gängigen Praktiken („best practice“), Normen (z.B. DIN EN ISO 9000ff.) sowie gegenüber theoretischen Überlegungen allgemein anerkannter Autoren (populär)wissenschaftlicher Ratgeberliteratur und kommt daher dem Autorisierungsprinzip der „positiven Wissenschaften“ sehr nahe.

– Die obere Führungsebene bzw. das strategische Management zeigt dagegen oft Autorisierungsbemühungen, die an die kirchlicher Würdenträger erinnern. Hier werden Entscheidungen unter Verweis auf Zusammenhänge zu begrünen versucht, die den Anspruch auf Letztbegründung, auf Unanzweifelbarkeit erheben und somit in den Bereich des Irrationalen und Absurden verweisen. Als Beispiele für letztbegründende >Glaubensgrundsätze< (Kontrafakte) können in diesem Zusammenhang Begriffe wie „Globalisierung“ oder auch die in politischen Kreisen beliebte Forderung nach „kontinuierlichem Wirtschaftswachstum“ genannt werden.

Natürlich sind auch in operativen Unternehmensbereichen >kirchliche Würdenträger< ebenso zu finden, wie es >Künstler< im strategischen Management gibt. Beide Erscheinungen dürften jedoch eher Ausnahmen als die Regel sein.

Nun stellen Sie sich vor, der >Künstler< an der Maschine wird von dem >kirchlichen Würdenträger< aus dem Top-Management aufgefordert, sich in seinem Denken und Handeln den gegebenen >kirchlichen Glaubensgrundsätzen< der Geschäftsführung zu unterziehen, ob in Anweisungen zur Prozessoptimierung oder zur Strukturveränderung (“Change”) gekleidet. Was denkt und wie verhält sich der >Künstler<? Und vor welchen Problemen steht der >kirchliche Würdenträger<? Die europäische Kirchen-, Kunst- und Wissenschaftsgeschichte der vergangenen 700 Jahre kann darauf in vielfältiger Weise Antworten geben.

Hier sei zunächst nur darauf verwiesen, dass dem >Künstler< in wesentlich umfangreicherem Maße Mittel und Wege zur Verfügung stehen, seinen Bedürfnissen und Interessen, vor allem in Bezug zu seiner umfassenden Eigenverantwortlichkeit, Geltung und Wirkung zu verschaffen, als dies bei >kirchlichen Würdenträgern< der Fall ist. Im Unternehmenskontext spricht man auch von verdeckter oder offener Sabotage, Mobbing, informaler Fraktionsbildung und dem sehr beliebten „Dienst nach Vorschrift“. Der >kirchliche Würdenträger< ist zur Reaktivität verdammt. Er kann erst dann etwas tun, nachdem bereits ein Schaden, eine Abweichung, etc. entstanden ist. Tag für Tag wird er mit der Absurdität seines Führungsanspruches konfrontiert und entwickelt sich durch verstärkte Verweise auf seine >Glaubensgrundsätze< mehr und mehr zu einem >Affen im eigenen Zirkus<

Gerade die europäische Geschichte der letzten 700 Jahre zeigt einerseits sehr deutlich, wie steinig der Weg zur Loslösung der >Künste und Wissenschaften< von der >Kirche< gewesen ist, andererseits aber auch, welche fruchtbaren Konsequenzen für die kulturelle und zivilisatorische Entwicklung Europas damit verbunden sind. Es ist an der Zeit, diese Loslösung auch in den Unternehmen und anderen Bereichen unserer Geselschaft umzusetzen und die >kirchlichen Würdenträger< zu >kritischen Wissenschaftlern< und >Künstlern< umzuwandeln, zumindest den Bereich der Autorisierung ihrer Aussagen und Entscheidungen betreffend.

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