„Und was sagt man, wenn man etwas bekommen hat?? …“ oder: Das Spiel mit der Dankbarkeit als Führungskultur!?

Einmal im Jahr kommt er über uns: der Geburtstag des Religionsstifters, immer einhergehend mit Bescherung! Freude, Freude, Freude… oder doch nicht? Irgendwie ist Weihnachten für mich einem zweischneidigen Schwert sehr ähnlich: Einerseits sind es schöne Erinnerungen an die Weihnachtsfeste meiner Kindheit: viele Geschenke, fröhliche Gesichter, Rosinenstollen, Kartoffelsalat und Würstchen. Andererseits gab es immer Ärger, weil man wieder einmal nicht laut oder nicht überzeugend genug „Danke“ gesagt hat, nachdem die Inhalte der Geschenke, ihre Verpackung in wüster Zerstreuung hinter sich lassend, ihrem eigentlichen Zweck zugeführt worden waren. Selbst meine Schwester forderte genau die Dankbarkeit, den Eltern und Großeltern gegenüber, von mir ein, die sie selbst so stark abgelehnt hatte. Zu keinem anderen Anlass wurde ich von den Eltern und Großeltern so >laut< und in angespannter Erwartung überschäumender Dankbarkeit angestarrt, nie fühlte ich mich meiner eigenen Schwester gegenüber so fremd und nie lagen Freude, Scham- und Schuldgefühle so eng beieinander, wie zu Weihnachten.

Einige Jahre später sitze ich an einem großen Tisch, zusammen mit ArbeitskollegInnen und Vorgesetzten, bei Kaffee und Rosinenstollen. Und weil es eben Brauch ist, bekommt man auch etwas geschenkt, von der >Firma<. Irgendwann war auch ich an der Reihe. Auf einmal, wie vom Blitz getroffen, scannt mich der Blick meines Vorgesetzten und mit diesem auch die Blicke meiner KollegInnen, die lautlos schreiend nach eben derselben Dankbarkeit in meinem Gesicht suchten, wie damals meine Schwester, meine Eltern und Großeltern. Die Schames- und Zornesröte stiegen mir ins Gesicht, man konnte beide nicht voneinander unterscheiden, und ich wollte einfach nur im Boden versinken bzw. durch die Decke gehen.

Wiederum einige Jahre später konnte ich beide Ereignisse in einen Zusammenhang bringen, der mich veranlasste, Belohnungssysteme im Allgemeinen und solche in Unternehmen im Besonderen kritisch zu betrachten und sehr vorsichtig zu behandeln. Besagter Zusammenhang lässt sich in drei Hypothesen zusammenfassen, die ich gern hier zur Diskussion stellen möchte:

Hypothese 1: Belohnung verstärkt stets die formale hierarchische Überstellung des Belohnenden gegenüber dem Belohnten durch informale Aspekte, in einer Art unbewusster Aktivierung kindlicher Beziehungsmuster: Der/die Vorgesetzte wird zum >Papi<, resp. zur >Mami<, die KollegInnen zu Disziplin einfordernden >Geschwistern< und der Mitarbeiter zum sich schämenden, zornigen und sehr einsamen >Kind<. Belohnung, Abhängigkeit, Entmündigung sowie Scham- und Schuldgefühle liegen eben auch hier sehr nahe beieinander und verlangen sensiblen Umgang.

Hypothese 2: Darüber hinaus wird durch Belohnung ein bestimmtes Verhalten beim Belohnten konditioniert. Was einmal gut war, weil es belohnt wurde, wird auch zukünftig gut sein. Die belohnende Führungskraft wird sich in Erklärungsnöte bringen und sich dem Vorwurf der Inkonsequenz aussetzen müssen, wenn sie zukünftig, aufgrund veränderter Rahmenbedingungen, ein verändertes Verhalten der Mitarbeiter einfordern muss. Am Ende wird ein Mitarbeiter für genau das Gegenteil dessen belohnt, wofür ein anderer Mitarbeiter ein Jahr zuvor belohnt worden war. Dies kann informale Spannungen in einer Stärke hervorbringen, die das formale Rückgrat der Führungskraft zu brechen im Stande ist.

Hypothese 3: Außerdem verursacht Belohnung stets ein Gefühl der Dankbarkeitsverpflichtung, welches durchaus als sehr große Last, sogar als >Bestechung< empfunden werden kann, gerade weil solche Verpflichtungen oft persönliche Aspekte, wie Loyalität und Verschwiegenheit, betreffen.

Belohnung ist ein (Gesellschafts-)Spiel mit >informalen Regeln< und >formalen Würfeln<. Ob der >Belohnte< sich als Gewinner oder als Verlierer fühlt, hängt immer von den Regeln ab, nie von den Würfeln…

Die >informalen< Regeln von Weihnachten habe ich schon als Kind nicht richtig verstanden und werde sie wohl auch nie richtig verstehen. Ich weiß nur, dass ich jedes Jahr am 24.12. mit dem Würfeln an der Reihe bin…

2 Gedanken zu “

  1. Vielleicht ist eine Trennung der Begriffe „Geschenk“ und „Belohnung“ hilfreich: Belohnung ist eine Kompensation für Leistung, die sich an (durchaus wandelbaren) Anforderungen orientiert. So würde ich ein Gehalt oder Entlohnung verstehen. Beide Seiten sind anschließend quitt. Gegenseitige Wertschätzung stabilisiert die positive Geschäftsbeziehung. Ich sehe keinen Anlass für unterwürfige Dankbarkeit auf der Seite des Zahlungsempfängers.
    Bei Geschenken sieht es anders aus: Sie sind keine Entlohnung und (sollten) keinen Zweck verfolgen. Ganz im christlichen Sinne schenken wir zu Weihnachten unsere Liebe und tun dies mit materiellen, manchmal sogar immateriellen, Geschenken. Wenn es gelingt, die Botschaft der Liebe im Geschenk zu transportieren, dann darf beim Beschenkten Freude entstehen und durchaus auch Dankbarkeit. Dies auszudrücken lernen Kinder im besten Falle ganz positiv von ihren Eltern.
    Ein Geschenk des Arbeitgebers sollte uns nicht in Verlegenheit bringen. Fühlt es sich an wie eine Belohnung, dann könnten Sie vielleicht Überraschung und Freude ausdrücken statt sich mit anerzogener Dankbarkeit zu quälen. Fühlt es sich an wie ein echtes Geschenk, dann dürfen Sie sich freuen und es einfach als persönliche Wertschätzung nehmen. Danken Sie für die Wertschätzung, statt für das Geschenk. Vielleicht fällt das leichter?
    Herzlichst Verena Czerny

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    1. Ihre Unterscheidung zwischen Belohnung und Geschenk ist sehr wichtig, Frau Czerny. Vielen Dank für Ihre Gedanken. In diesem Sinne unterscheide ich zwischen >Leistung und GegenleistungBelohnung als „Geschenk im Voraus“<, im Sinne eines Anreizes für zukünftige Leistungen. Meine Kritik gilt dem zweiten Gegenstand.
      Dies zeigt aber auch sehr deutlich, wie wichtig es ist, dass jedem Mitarbeiter die "informalen Spielregeln" (also auch die Begriffsverständnisse) klar sind, sonst werden auch die wohlwollend gemeinten Geschenke ihren Zweck verfehlen.

      Beste Grüße
      Dr. Martin Wagner

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