„Der Ödipus-Komplex der westlichen Wirtschaft“ oder: Die Katholische Kirche als >Mutter< abendländischen Unternehmensverständnisses

Es ist auffallend und irritierend zugleich, dass die ersten und somit wichtigsten 5 Minuten der „Tagesschau“, einer der renommiertesten Nachrichtensendungen im Deutschen Fernsehen, den Belangen der katholischen Kirche gewidmet sind. Angesichts dieser Erscheinungen, wie auch „Die lila Fraktion“ [rbb 2014], >Papstpredigten< in Parlamenten, Debatten und Konflikte rund um die Themen >Wirtschaft, Religion & Kirche< (z.B. http://www.deutschlandradiokultur.de/brandrede-von-papst-franziskus-das-kann-man-besser-machen.1008.de.html?dram:article_id=307079) etc. drängen sich mir folgende Fragen auf: Warum rücken Staat (resp. Wirtschaft) und Kirche wieder so dicht zusammen? Warum können sich in vermeintlich säkularisierten Gesellschaften >Kirchen< wieder zu den einflussreichsten Lobby-Verbänden in Parlamenten entwickeln? Welche Interessen und Motive stecken dahinter?

Für meinen Versuch einer Antwort muss ich etwas weiter ausholen und zwar über das Thema der >Legitimation von Organisationen<:

Die Katholische Kirche gehört zu den wenigen weltweit wirksamen >Organisationen<, die sich selbst legitimieren. Sie legitimiert sich aus der Konsistenz ihrer eigenen Geschichte. Unternehmen oder auch das Militär legitimieren sich dagegen aus der Konformität mit kollektiven Zukunftserwartungen einer bestimmten Zielgruppe der Gegenwart.

Während also Unternehmen und das Militär >flexible Argumente< benötigen und auch entwickeln, um auf die veränderlichen kollektiven Zukunftserwartungen reagieren und einwirken zu können, unterliegt der amtierende Papst in seinem Entscheidungsverhalten und Argumentieren historisch bedingten Sachzwängen, resultierend aus Verhaltensmustern und Entscheidungsargumenten vergangener Papstgenerationen (Das bedeutet nicht, dass Unternehmen keinen historisch bedingten Sachzwängen unterlägen. Sie spielen jedoch sowohl in der Ausbildung als auch im Arbeitsalltag heutiger Manager leider nur eine untergeordnete Rolle.).

Genau wegen dieser historisch bedingten Sachzwänge ist die Katholische Kirche für die abendländische Wirtschaft bedeutsamer, als viele ihr zugestehen möchten: Die Kirche schaffte dadurch einst die gesellschaftliche Kultur und Struktur für eine erfolgreiche Industrialisierung und somit eine stabile Basis heutiger Unternehmensorganisationen und –erfolge, zusammengefasst in den >Kultur- & Strukturelementen<: Disziplin & Hierarchie, Gemeinschaft & (territoriale/kulturelle) Abgrenzung sowie Handeln (Wirksamkeit) & Kontrolle [vgl. auch Max Weber (1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen, S. 31ff.: Regelhaftigkeit und Standardisierung als die zentralen Eigenschaften des Kapitalismus]. Kirche und Unternehmen sind demzufolge sowohl kulturell als auch strukturell selbstähnliche, >fraktale< Systeme (Ja selbst die hierarchiestufenbezogenen Charakterstrukturen der jeweiligen Protagonisten weisen verblüffende Parallelen auf; vgl. hierzu: Eugen Drewermann: Kleriker. Psychogramm eines Ideals. Deutscher Taschenbuchverlag).

Die Stabilität der kirchenhistorisch bedingten Sachzwänge, ihre selbstlegitimierenden Strukturen, verbunden mit der globalen Ausdehnung der kirchlichen Macht, sorgten seither für halbwegs stabile, >lineare< und somit >berechenbare< Wahrnehmungs- und Entscheidungsmuster der Menschen des kirchlichen Wirkungsbereiches, also der meisten Kunden der Unternehmen. Die Kirche stellt demnach bis heute den kulturellen und strukturellen >Rahmen< für sinnvolle Unternehmensplanung und –steuerung traditioneller Prägung: die >Kirche<, als die >Mutter< abendländischen Unternehmensverständnisses.

Stellen nun selbstähnliche Systeme mit gegensätzlichen Legitimierungssachzwängen nicht einen Widerspruch dar? Ich denke nicht; sie ergänzen und stabilisieren sich gegenseitig, solange es nicht zur Kollision mit der >internen und/oder externen Wirklichkeit< kommt: Mit der globalen Ausbreitung sozialer Netzwerke kam es allerdings zu einer solchen >Kollision< und somit zu einem >Problem< für das abendländische, von der Kirchenstruktur und –kultur geprägte Unternehmensverständnis: >Nicht-Linearität< und spontanaktive Unberechenbarkeit der Wahrnehmungs- und Entscheidungsmuster der nachfragenden Zielgruppen führen traditionelle Unternehmensplanung und -steuerung zunehmend ad absurdum und stellen traditionelle Unternehmenskulturen und -strukturen in Frage. Aus Mangel an Alternativen im Denken und Handeln erinnert man sich nun schon seit Jahren und Jahrzehnten an alte >Erfolgsrezepte<, lässt also Kirche und Staat (resp. Wirtschaft) wieder >zusammenrücken<, ohne jedoch aktuelle, aus der global-sozialen Netzwerkaktivität herrührende Sachzwänge zu berücksichtigen, und begründet damit den „Ödipus-Komplex“ der westlichen Wirtschaft.

Ob die westliche, vom Katholizismus kultivierte und strukturierte Wirtschaftswelt rechtzeitig den Wandel hin zu einer von transkultureller Kooperation und Vernetzung geprägten Kultur und Struktur vollziehen wird, ohne dabei die historisch bedingten Sachzwänge der beteiligten Kulturen und Zivilisationen zu übergehen, wage ich zu bezweifeln. Die europäische Wirtschafts- und Medienpolitik Merkel´scher Prägung verleitet mich zu dieser Annahme.

Sollte ich mit meiner Annahme richtig liegen, wird die westliche Welt einer Zukunft entgegen gehen, die der Künstler und Philosoph Prof. Bazon Brock sinngemäß als „Museum“ gescheiterter Zivilisationsbemühungen beschreibt, während sich China als >Wirtschaftsstandort der Welt<, Indien als >Wissenschaftsstandort der Welt< und Nordafrika als >religiöses Zentrum der Welt< etablieren werden. Zentrale Aufgabe der Europäer und Nordamerikaner sei nun, nach Prof. Brock, sich dieser Aufgabe zu stellen und sich zu „musealisieren“ [vgl.: Bazon Brock (2008): Lustmarsch durchs Theoriegelände – musealisiert Euch! Köln: DuMont Buchverlag.].

Wenn das keine interessante Perspektive ist…

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